Interview mit Marlies Winkelheide

Kinderseele in Not

„Alle haben auf ein Baby gewartet
und dann haben am Telefon alle geweint.“

Marlies Winkelheide

Frau Winkelheide, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit der Situation von Geschwisterkindern. Wie kann man die Kinder positiv begleiten?

Geschwisterkinder brauchen geschützte Räume oder eine Person, die nicht familiennah ist, mit der sie ihre Fragen besprechen können. Natürlich wollen Eltern alles richtig machen und sagen meist: Du kannst mit allem zu uns kommen. Aber das tun Geschwisterkinder nicht immer. Sie spüren, wenn sie bestimmte Dinge fragen, machen sie ihre Eltern traurig. Und deshalb sprechen sie oft nicht über ihre Gedanken. Viele Eltern glauben auch, dass die Situation für die Geschwister ganz normal sei, weil sie es nicht anders kennen. Aber schon ganz kleine Kinder spüren durchaus, dass in ihrer Familie etwas anders ist.

Ältere Kinder schotten sich bei diesen Themen auch schon mal ab. Ich höre ab 14 immer wieder, meine Eltern sollen gar nicht wissen, wie’s mir geht. Denn die halten nur den üblichen Vortrag, warum dies oder jenes halt nicht geht, wegen des Bruders oder der Schwester. Die Geschwister kennen das längst auswendig. Sie wissen, dass es so ist. Gerade Jugendliche möchten deshalb manchmal lieber mit anderen sprechen.

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Zur Person

Die Sozialwissenschaftlerin Marlies Winkelheide, Jahrgang 1948, hat mehr als 30 Jahre Erfahrung in der pädagogischen Begleitung von Geschwisterkindern.

Als eine der Ersten entwickelte sie in den 70er Jahren verschiedene Angebote für die Geschwister von Behinderten. Sie plant und leitet Geschwisterkinderseminare und Veranstaltungen, hält Vorträge und berät Geschwister und Eltern. Als Autorin hat sie bereits mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht.

„Die größte Fragestellung, in der Familie,
dem Kindergarten oder der Schule ist heute:
Wie spreche ich darüber“

Marlies Winkelheide

Unterschätzen Eltern die Geschwisterkinder?

Ja sicher, ganz viele tun das. Auch kleine Kinder kriegen ja alles mit. Mich haben schon Eltern von Vierjährigen gefragt, wann sie dem Kind denn sagen sollen, dass ihr Geschwister behindert ist. Aber das Kind weiß das doch längst, es hat nur noch keine Namen dafür. Mir hat einmal ein Sechsjähriger erzählt: Alle haben auf ein Baby gewartet und dann haben am Telefon alle geweint. Da war er drei Jahre alt, aber er hat genau mitbekommen, irgendetwas stimmt nicht.

Die größte Fragestellung, in der Familie, dem Kindergarten oder der Schule ist heute: Wie spreche ich darüber? Auf die Sprachlosigkeit in der Familie folgt oft die Sprachlosigkeit in der Kita. Dies ist auch ein Spiegel der Gesellschaft. Wie soll man über einen Menschen mit Behinderung sprechen, ohne ihn zu diskriminieren? Anstatt gute Antworten auf diese Sprachlosigkeit zu finden, weichen wir aus. Dabei brauchen gerade die Geschwister Möglichkeiten, über diese Dinge zu sprechen. Spätestens zur Schulzeit gibt es dann Schwierigkeiten. Manche Kinder signalisieren dann durch auffälliges Verhalten, dass ihnen etwas fehlt.

Das heißt, Eltern fangen zu spät an, sich mit der Situation der
Geschwister zu befassen?

Ich möchte die Eltern ausdrücklich entlasten. Sie tun immer, was ihnen möglich ist. Die Eltern sind am Anfang so sehr mit sich selber beschäftigt und in ihren eigenen Gefühlen gefangen, dass es dauern kann, bis man ihnen die Situation der Geschwister vermitteln kann. Sie brauchen selber Zeit, um zu begreifen, was mit ihnen passiert ist.

Und die Kinder kommen nicht von selbst. Sie äußern sich nicht, wenn sie merken, dass ihre Fragen und Bedürfnisse eine Zusatzbelastung sind. Anfangs ist kein Geschwisterkind schwierig.

„Bei der Suche nach Lösungen
würde ich immer auch die Kinder selbst fragen.“

Marlies Winkelheide

Was können Eltern tun, um die Rahmenbedingungen für ihr Kind zu verbessern?

Es gibt inzwischen eine Menge hilfreiches Material, von Filmen, Dokus, Artikeln, Fach-, Kinder- und Ratgeberliteratur, staatliche Handreichungen, Wissensportale usw. Das Thema Trans* als Variante von Geschlecht wird hier berücksichtigt. Aber jedes Programm steht und fällt mit den Personen, die es umsetzen. Es gibt Leute, die sind super und gehen großartig damit um.

Eine negative Reaktion von anderen Menschen ist oft das Resultat von Unwissenheit, Unsicherheit und Angst, sich falsch zu verhalten. Unwissenheit schlägt schnell in einen Abwehrmechanismus um. Da helfen nur Geduld und Kommunikation. Eltern müssen immer wieder das Gespräch mit Kita-ErzieherInnen, Schulpersonal und auch mit anderen Eltern suchen. Das erfordert viele Ressourcen von den Familien. Deshalb unterstützen wir, so gut wir können, durch Aufklärung, Austausch und Vernetzung untereinander sowie durch das Aufzeigen von bereits erprobten Wegen und Möglichkeiten.

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