Interview mit
Oliver Junker

Kinderseele in Not

Herr Junker, wie oft erleben Sie es, dass Eltern sich einem trauernden Kind gegenüber falsch verhalten?

Ich möchte im Zusammenhang mit einer emotional hoch belastenden Situation nicht von »richtig« oder »falsch« sprechen. Viele Bezugspersonen und Eltern regeln solch eine Situation aus dem Bauch. Ein Teil dessen, was sie tun, ist auch meist hilfreich. Es gibt jedoch ungünstige Verhaltensweisen, die eine gesunde Verarbeitung für das Kind erschweren. Solches Verhalten kann entstehen, wenn wir uns emotional überfordert fühlen. Oder es gelingt uns nicht, unsere Erwachsenperspektive zu verlassen. In der Verkehrserziehung gehen wir immer wieder mal auf Augenhöhe des Kindes, um Situationen aus ihrer Sicht einzuschätzen. Doch gerade beim Thema Trauer nehmen wir oft nicht den Blickwinkel des Kindes ein.

Wie kann sich diese falsche Perspektive äußern?

Hier können einzelne Worte und Bemerkungen gerade bei kleinen Kindern falsche Bilder erzeugen, das erlebe ich immer wieder. Woran denkt ein Vierjähriger, wenn er das Wort »Krebs« hört? An das Tier aus dem Bilderbuch oder vom Urlaub am Meer. Hatte Papa einen Krebs, also das Tier, im Kopf, der ihm wehgetan hat? Wir erklären den Kindern so viel, aber wenn es um elementare Dinge geht, um Leben und Tod, kommt oft: Das verstehst du nicht, dafür bist zu noch zu klein. Oder: Ich weiß nicht, wie ich’s dir sagen soll. Gerade bei einer akut lebensbedrohenden Erkrankung und oft unabhängig davon, wie kurz die mögliche Lebenserwartung noch ist, wird im Vorfeld einiges gemacht, das wenig hilfreich für die betroffenen Kinder ist.

 

Kinderseele

Zur Person

Oliver Junker, Jahrgang 1967, ist Kommunikationspsychologe und arbeitet seit vielen Jahren als Trauerbegleiter für Kinder.

Er ist Autor zahlreicher Fachartikel zum Thema und verfügt über eine langjährige Einsatzerfahrung im Rettungsdienst und der Krisenintervention. Als Trainer und Systemischer Coach schult Oliver Junker Einsatzkräfte, ErzieherInnen und Bezugspersonen im Umgang mit trauernden Kindern und Jugendlichen.

»Wir dürfen gegenüber unseren Kindern nicht lügen und nichts verschweigen, wenn es ernst wird.«

Viele Eltern möchten ihr Kind vor Stress schützen. Sie haben Sorge, es unnötig zu belasten.

Wichtig in jeder Krisen- oder Trauerkommunikation ist Aufrichtigkeit. Wir dürfen unser Kind nicht anlügen. Wenn wir sagen »Opa ist krank«, dann denkt ein Kind vielleicht an Erkältung und Schnupfen. Wenn wir weiter sagen, dass er »bestimmt bald wieder gesund ist«, dann empfindet es das Kind als massiven Stress und Vertrauensbruch, wenn der Opa ein halbes Jahr später doch stirbt. Wir dürfen gegenüber unseren Kindern nicht lügen und nichts verschweigen, wenn es ernst wird. Das heißt aber nicht, dass wir ihnen unnötig Angst machen müssen.

Welcher Umgang ist in so einer Situation angemessen?

Benennen Sie klar die möglichen Optionen. Beispiel: Opa hat eine Krankheit, die man Krebs nennt. Erklären Sie die Krankheit in knappen, einfachen Worten. Wenn das Kind mehr wissen will, wird es fragen. Sagen Sie, dass es eine schwere Krankheit ist und das man daran sterben kann. Aber die Ärzte probieren alles, damit Opa nicht stirbt. Kinder dürfen Hoffnung haben. Aber Sie brauchen die Wahrheit, ohne dass es Angst machend wird. Leider machen wir als Eltern schon frühzeitig den Fehler, dass wir immer nur die heile Welt verkaufen wollen. Und zwar ausschließlich. 

»Ein Hauptunterschied zu Erwachsenen liegt vor allem darin, dass Kinder nicht in ihrer Trauer verharren.«

Nach dem Tod einer wichtigen Bezugsperson. Was sollten die Erwachsenen im Umgang mit Kindern unbedingt beachten?

Erwachsene sollten vor allem wissen, dass Kinder trauern. Auf ihre eigene Art, die oft mit der Zeit nicht mehr sichtbar ist. Für die Unsichtbarkeit der Trauer gibt es vor allem zwei Gründe. Zum einen, dass in der Familie kein offenes Trauern möglich ist. In diesem Fall verhalten sich die erwachsenen Vorbilder oft ungünstig oder finden keinen Weg, ihre Trauer auszudrücken. Der zweite Grund, warum viele Kinder mit der Zeit immer weniger nach außen trauern, ist ihr Beschützerinstinkt. Sie wollen Mama oder Papa nicht noch trauriger machen.

Ein Hauptunterschied zu Erwachsenen liegt vor allem darin, dass Kinder nicht in ihrer Trauer verharren. Sie durchleben meist keine ausgedehnten Trauerphasen, sondern suchen immer wieder Ablenkung, um den Schmerz nicht zu spüren. Trauer bei Kindern kommt in Wellen. Viele Erwachsene können nur schwer damit umgehen, wenn ihre Tochter spielen will, obwohl gerade der Papa gestorben ist. Aber das ist ein natürlicher und gesunder Weg für Kinder, um die Situation einzuordnen und zu verarbeiten. Die meisten Kinder spüren, dass es für sie nicht gut ist, in einer Trauerstarre zu bleiben.

Wie überbringe ich meinem Kind die sehr traurige und dramatische Nachricht? Wie soll ich mich in dieser unmittelbaren Akutsituation verhalten?

Hier empfehle ich drei Schritte. Zuerst die Sachinformation, in klaren Worten ohne zu viel Details: Es ist etwas Schlimmes passiert, der Opa ist gestorben. Nach einer kurzen Pause sollte sofort die emotionale Information folgen: Ich bin sehr traurig deswegen, ich habe auch schon geweint. Mehr brauchen Sie im ersten Moment nicht zu tun. Beobachten Sie Ihr Kind und reagieren Sie darauf, wie es sich äußert. Seien Sie einfach da. Texten Sie Ihr Kind auf keinen Fall zu.

Der dritte Schritt sollte sein, dass Sie dem Kind seine typische »Sprunghaftigkeit« gestatten. Wenn es spielen will, spielen Sie mit ihm. Wenn das Kind seinen Umgang mit der Trauer leben darf, wird es Schritt für Schritt seine Bedürfnisse sichtbar machen. Dies können zunächst auch kleine Schritte sein, in größeren Abständen.

»Nur darüber zu reden, ist für Kinder meist nicht der richtige Weg.«

Wie wichtig ist es, mit meinem Kind immer wieder über die Situation zu reden?

Bei Weitem nicht so wichtig, wie viele Erwachsene glauben. Für Erwachsene sind Gespräche ein Lösungsszenario, viele Kinder und Jugendliche finden es jedoch auf Dauer oft sehr belastend. Darüber zu reden ist für Kinder meist nicht der richtige Weg. Vor allem, wenn sie das Gespräch nicht von sich aus suchen. Beim Umgang mit trauernden Kindern und Jugendlichen im Alltag stehen andere Dinge im Vordergrund.

Wie sollen sich Eltern stattdessen verhalten?

Es geht um die kleinen Impulse. Um ganz viel Wahrnehmung und Wertschätzung. Kinder brauchen Sicherheit und Geborgenheit, keine Problemgespräche, die ihnen von außen nahegelegt werden. Eltern können Angebote machen, zum Beispiel durch besondere Aktionen, wie das Bemalen von Steinen für den Verstorbenen. Oder das Anschauen von Bilderbüchern, die sich mit dem Thema Tod befassen. Wichtig sind Aktivitäten, bei denen die Kinder sich austoben können. Und sie brauchen Anregungen, wie sie mit ihrer individuellen Trauer umgehen können. Das alles braucht viel Zeit und Geduld. Als Erwachsene haben wir leider auch in der Trauerarbeit oft ein anspruchsorientiertes Lösungsdenken. Das entspricht aber nicht der Kindersicht. Kinder gehen in der Trauer ihre ganz eigenen Wege.

Gibt es Warnzeichen, die darauf hindeuten, dass bei einem Kind Trauer gar nicht oder auf psychisch gefährdende Weise verarbeitet wird?

Ein ernst zu nehmendes Warnzeichen ist vor allem bei Schulkindern der deutliche und anhaltende Verlust an Lebensfreude, der absolute Rückzug von Freunden und allem, was vorher Spaß gemacht hat. Gerade in Richtung Pubertät ist natürlich auch jede Form von Auto-Aggressivität ein deutliches Signal für eine sehr ungünstige Entwicklung. Hierbei handelt es sich letztlich meist um eine Ventilfunktion. Wer sich ritzt oder sonst wie schadet, fügt sich damit äußere Schmerzen zu, um die inneren nicht mehr zu spüren.
Kinder können Trauer jedoch meist gut verarbeiten, wenn man sie kindgerecht begleitet und ihnen Hilfe anbietet. Bei einem dramatischen Verlust der Lebensfreude oder bei sehr dramatischen Todesumständen sollte jedoch unbedingt professionelle, psychologische Hilfe gesucht werden.

»Von Kindern bekomme ich die direkte Rückmeldung: das tut mir gut oder das finde ich blöd.«

Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen nach all den Jahren, in denen Sie mit trauernden Kindern und Jugendlichen arbeiten? Haben Sie für sich etwas daraus gelernt?

Von Kindern bekomme ich die direkte Rückmeldung: das tut mir gut oder das finde ich blöd. Kinder sind oft besser als wir, zu erkennen, was für sie richtig und wichtig ist. Diese intuitive Selbstsorge ist vielen Erwachsenen verloren gegangen. Hier können wir von Kindern lernen.

Was mich darüber hinaus fasziniert ist, dass Kinder wahre Philosophen sind, wenn es um Vorstellungen zu Tod und Vergänglichkeit geht. Und wie dankbar sie in unseren gemeinsamen Sitzungen Impulse annehmen und umsetzen. Das ist auch für mich eine sehr bereichernde Arbeit.

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