Betroffene im Interview

Kinderseele in Not

„Ich wollte nicht mehr mit meiner Last alleine sein, doch ich war auch nicht in der Lage, selbst das Gespräch zu suchen.“

Über zehn Jahre lang hat sich Jennifer M. fast täglich Verletzungen zugefügt, um die schmerzhaften Erinnerungen an ein traumatisches Erlebnis zu verdrängen. Heute weiß die 26-Jährige, dass sie an Depressionen und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung litt.

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Betroffene im Interview

Jennifer M. über ihr selbstverletzendes Verhalten.

Jennifer, wann hast du dich zum ersten Mal absichtlich verletzt und was der Grund dafür?
Mit zwölf Jahren bin ich von einem älteren Jungen aus der Nachbarschaft vergewaltigt worden. Ich schämte mich dafür und behielt den Vorfall für mich. Doch die Last wurde bald zu groß. Ich erinnere mich noch genau an den Tag. Ich stand weinend unter der Dusche und kratzte mich bis ich blutete und vor Erschöpfung zusammensackte. Der Schmerz gab mir die Kontrolle zurück. Ich bestimmte selbst, wieviel ich ertragen konnte. Noch am selben Tag baute ich den Rasierer meiner Mutter auseinander und nahm die Klingen mit auf mein Zimmer.
Wie blickst du heute auf diese Zeit zurück?
Ich war einsam und glaubte, ich hätte es verdient, zu leiden. Dabei war ich noch ein Kind. Ich wünschte, ich könnte meinem 12-jährigen Ich den Rat geben, mich jemandem anzuvertrauen. Das hätte es erträglicher gemacht. Stattdessen habe ich mich in den folgenden zehn Jahren fast täglich selbst verletzt. Meistens mit Klingen oder Glasscherben. Wenn nichts davon in Reichweite war, habe ich zu Scheren, Anspitzern, Stecknadeln, Bleistiften und Nägeln gegriffen. Manchmal habe ich mir auch Brandwunden zugefügt oder gegen Wände und Spiegel geschlagen. Der körperliche hat den seelischen Schmerz übertönt.

Inwiefern haben diese Handlungen deinen Alltag bestimmt?
Ich bin kaum noch rausgegangen – und wenn doch, habe ich etwas mitgenommen, womit ich mich unterwegs verletzen konnte, wenn der Drang zu groß wurde. Einige Male habe ich die Kontrolle verloren und mich stärker verletzt als beabsichtigt, sodass ich genäht werden musste. Rückblickend war ich über viele Jahre suizidgefährdet.

Wie hast du die Narben vor deinen Eltern und Lehrern versteckt?
Ich habe nur noch lange Kleidung getragen. Egal, wie warm es war. Wenn ich doch mal ein T-Shirt anhatte, habe ich meine Narben unter unzähligen Armbändern versteckt. Und kurze Hosen habe ich ausschließlich in Kombination mit blickdichten Strumpfhosen angezogen. Kleidung war ein wichtiges Thema. Oft habe ich mir schon am Abend ein Outfit herausgelegt.

„Ich wollte nicht mehr mit meiner Last alleine sein,
doch ich war auch nicht in der Lage, selbst das Gespräch zu suchen.“

Jennifer M. , Betroffene

Wie haben deine Angehörigen reagiert, wenn dir doch mal ein Ärmel hochgerutscht ist?
Bis zu einem gewissen Zeitpunkt ist es niemandem aufgefallen. Doch eines Tages hat meine Mutter ein paar der Narben gesehen. Damals konnte ich mich noch herausreden, doch später sind meine Verletzungen auch einer Lehrerin aufgefallen. Sie hat mehrfach versucht, mit mir zu reden und auch meine Mutter kontaktiert. Doch ich habe ihr weiter Ausreden aufgetischt, weil ich sie vor der Wahrheit schützen wollte.
Welches Verhalten hättest du dir von deiner Familie rückblickend gewünscht?
Ich wünschte, jemand hätte versucht, hinter meine Fassade zu blicken. Meine Familie wusste, dass es mir nicht gut ging. Doch meine Angehörigen haben sich mit meinen Beschwichtigungen abgefunden und nie nachgehakt. Nichts wurde hinterfragt, meine Ausreden wurden hingenommen. Ich wollte nicht mehr mit meiner Last alleine sein, doch ich war auch nicht in der Lage, selbst das Gespräch zu suchen. Damals habe ich oft geträumt, dass meine Mutter zu mir kommt und mich in den Arm nimmt. Dass sie merkt, dass etwas nicht stimmt und mich zum Reden ermutigt. Doch das ist nie passiert.

Welchen Rat möchtest du Betroffenen geben?
Sucht euch Hilfe! Es ist egal, ob ihr euch euren Eltern, Freunden, Lehrern oder der Telefonseelsorge anvertraut. Sobald ihr über eure Ängste und Sorgen redet, wird es einfacher. Es ist ein langer Weg, aber es ist die Anstrengung wert, weil ihr es wert seid.

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